Eine Gedankenreise
- Isidora Rudolph

- 24. Okt. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 7 Tagen

Liebe Leserin, lieber Leser
Ich möchte dich auf eine Gedankenreise mitnehmen.
Stell dir vor, du kannst jetzt, in diesem Moment, dein Leben so gestalten, wie du es wirklich möchtest. Komplett frei von jeglichen Beschränkungen, ohne gleich zu sagen: “ich kann das nicht”, “ich bin zu jung, zu alt», zu dieses oder jenes oder Gedanken an ökonomische Zwänge. Du könntest die wache Zeit des Tages, in der Regel also etwa 16 Stunden bei 8 Stunden Schlaf pro Nacht, für die Dinge investieren, die für dich bedeutsam und erfüllend sind. Wie viel Zeit würdest du investieren für deine Familie, wie viel für die Nahrungsaufnahme, für körperliche Bewegung, persönliche Interessen und Hobbys? Wie viele Stunden von den 16 würdest du arbeiten im Sinne der Lohnarbeit? Würdest du acht Stunden investieren, mit Pausen und Arbeitsweg in vielen Fällen rund etwa zehn Stunden pro Tag, also mehr als die Hälfte?
Erfüllte Arbeit für das eigene Wohlbefinden und erlebte Sinnhaftigkeit
Gehen wir einmal davon aus, du willst diese acht bis zehn Stunden für die Arbeit einsetzen. Wie müsste diese Arbeit beschaffen sein, liessest du deinen Gedanken und deinem inneren Antrieb freien Lauf?
Ich behaupte jetzt einfach mal, dass wir alle gerne mit dem Gefühl nach der Arbeit nach Hause gehen (würden), etwas Sinnvolles geschaffen zu haben. Das kann z.B. ein fertiges, gewissenhaft und mit Liebe gefertigtes Produkt sein. Oder eine Idee oder Wissen, das Formen angenommen hat. Vielleicht in Form eines Buches und nun anderen zugänglich ist, so dass sie sich daran erfreuen oder davon lernen können. Eine frisch gestrichene Wohnung oder ein Gemüsebeet, das beackert und in das Samen gesetzt wurden, sodass Neues wachsen kann,. Das alles und viel mehr kann dieses tiefe innere befriedigende Gefühl geben.
Wenn wir nun auf die Situation schauen, in der viele von uns sich befinden, sieht es oft anders aus. Ich kann gleich bei mir anfangen: Als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im Teenager- und Vor-Teenageralter arbeite ich zwar “nur” in Teilzeit vier Tage in der Woche. Dennoch verbringe ich mehr Zeit auf meinem Bürostuhl vor dem PC als mit meinen Kindern. Morgens warten zahlreiche E-Mails im Posteingang, die beantwortet werden möchten, Meetings finden seit der Corona-Pandemie häufig nur noch online statt, die direkte Begegnung bleibt oft aus. Kurz vor 17 Uhr gehe ich nach Hause und frage mich, was ich eigentlich den ganzen Tag gemacht habe. Ich habe nicht das Gefühl, etwas Fertiges geschaffen zu haben. Die E-Mails landen auch nach Bürozeiten im Posteingang, so dass man am Morgen beim Hochfahren des Computers unzählige neue To Dos entdeckt, die man dann erneut abarbeiten kann, während ständig neue E-Mails reinkommen. Und so geht es immer weiter.

Wenn wir den klassischen Bürojob verlassen, wie den, den ich ausübe, und auf das produzierende Gewerbe schauen, handelt es sich in den meisten Fällen um Massenproduktion oder solche in mittlerer Grösse. Nur noch selten sind es etwa hochwertige, von Hand gedrechselte Holzstühle, kunstvoll mundgeblasene Vasen oder handgefärbte, gewobene Tücher. Es gibt schlicht kaum einen Markt mehr dafür, zu teuer. Überall dominiert möglichst billig im fernen Ausland produzierte Massenware für den allgemeinen Geschmack. Die Lebensdauer dieser Produkte ist kurz, aber da sie günstig sind, kann man sich einfach schnell Ersatz kaufen. Für die Arbeitsprofile der Menschen, die im Produktionssektor tätig sind, bedeutet das, dass sie zumeist nur einzelne Teilprodukte herstellen (wenn sie nicht auch in der Sachbearbeitung oder im Verkauf tätig sind). Karl Marx sprach bereits 1844 in den «ökonomisch-philosophischen Manuskripten», die er vor seinem Manifest «Das Kapital» verfasst hatte, von der Entfremdung von der Arbeit. Sie ging mit der Einführung der Massenproduktion, ermöglicht durch die Industrialisierung, einher. Seiner Ansicht nach geschieht die Entfremdung dabei auf mehreren Stufen, wobei eine Stufe die nächste hervorruft. 1. die Entfremdung vom Produkt. 2. Die Entfremdung vom Prozess der Arbeit (der Stellenwert, den Arbeit einnimmt: erfüllende, sinnstiftende Arbeit auf freiwilliger Basis vs. Arbeit, um Bedürfnisse ausserhalb der Arbeit erfüllen zu können). 3. Diese Entfremdung führt dann zur Selbst-Entfremdung, weil man seine Arbeitskraft verkauft und sich damit in gewisser Weise selbst verleugnen MUSS. 4. Wenn man sich erst einmal von sich selbst entfremdet hat, entfremdet man sich automatisch auch von den anderen Menschen an sich: Hat man erst einmal den Kontakt zu sich selbst und seinen Bedürfnissen verloren, sieht man auch die anderen Menschen durch denselben Filter.
Mails, Zoom-Meetings, Druck durch Zielerfüllung und Chatbots und KI-Agenten: die schöne (neue?) Welt des Büroalltags
Hinzu kommt die riesige Dienstleistungsbranche, bei der sich viele Berufsprofile ausschliesslich mit dem Verschieben und Vermehren von finanziellen Werten befassen, vom Bankberater am Schalter bis zur Hedgefonds-Managerin. Oder die gesamte Marketing-Verkaufsbranche, die die billig produzierten Produkte an den Mann bzw. an die Frau bringen soll. Erklärtes Ziel ist es dabei, den Umsatz/Profit zu vermehren. Profit, der wohin fliesst? In deinen und meinen Lohn? Hat dieser Lohn etwas mit dem Unternehmenserfolg zu tun? Ab einer gewissen Position im Unternehmen werden Boni ausbezahlt, oder Gewinnbeteiligungen, klar. Prozentual erhält der grössere Anteil den gleichen Lohn, egal wie hoch der Gewinn des Unternehmens ausfällt und nur alle paar Jahre eine echte Gehaltserhöhung, wenn überhaupt. Oftmals spiegelt diese nicht einmal die steigenden Lebenshaltungskosten, so dass man in Wahrheit über die Jahre weniger hat vom Lohn. In der Folge kämpfen wir (uns jeden Tag ins Büro), setzen uns direkt oder indirekt für den Unternehmenserfolg ein, ohne selbst etwas davon zu haben. Ausser die Stelle an sich. Es ist kein Zufall, dass eine häufige Argumentation der Unternehmensführung lautet: «Sei dankbar, dass du diesen Job hast. Wenn dir etwas nicht passt, kannst du ja gehen. Es gibt genug Leute, die deinen Job übernehmen würden.» Damit bleibt der Arbeitslohn als Grund, diese Arbeit weiter zu verrichten, bis zur Pensionierung oder bis man die Stelle wechselt, um dort in ähnlicher Situation weiterzuarbeiten.
Dies bringt mich zur Arbeitsmotivation. Was motiviert Menschen an ihrer Arbeitsstelle? Ist es der Arbeitslohn oder eine Lohnerhöhung? Eine gross angelegte Studie hat herausgefunden, die Faktoren Lohn oder Lohnerhöhung keine grosse Rolle in der Arbeitsmotivation spielen. Vielmehr sind es intrinsische Faktoren wie die Freude an der Arbeit/Sinnhaftigkeit, ein gutes Arbeitsklima und Anerkennung durch die Vorgesetzten.
«Nach der Arbeit kommt das Vergnügen…»
Verlassen wir für einen Moment die Arbeitswelt. Wir alle haben auch nach der Arbeit Pflichten, die wir verrichten müssen; Menschen mit familiären Verpflichtungen mehr als Alleinstehende, aber als soziale Wesen haben die meisten von uns Familie oder Freund:innen, die uns ab und an brauchen, bzw. die wir brauchen. Neben sozialen Verpflichtungen kommen noch die Haushaltspflichten dazu sowie die Erfüllung der Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken etc.
So bleiben am Ende noch etwa zwei bis drei Stunden, in denen man komplett frei ist zu tun, was man möchte. Wer noch Kraft und kreative Energie übrig hat, widmet sich seinem Hobby, Sport, Verabredungen.
Von Doomscrolling und Bingewatching
Hand aufs Herz: Wer von uns verbringt einen Grossteil dieser kurzen Freizeit mit Doomscrolling auf Social Media oder Bingewatching von Filmen und Serien auf seiner bevorzugten Streamingplattform? Ja, fast alle tun es, mich eingeschlossen. Ob es nun mehr Ablenkung als Unterhaltung ist, darüber könnte man diskutieren. Fakt ist aber, dass die clever programmierten Algorithmen dieser Anwendungen unsere permanente Aufmerksamkeit an sich bannen und beschäftigt halten wollen. Sie zielen auf unser Dopaminzentrum und bringen uns in einen Zustand, der dem Genuss von Schokolade oder Süssigkeiten ähnelt. Die “Jagd” nach immer neuem, unterhaltsamem Content aktiviert unser Belohnungszentrum. Während Doomscrolling eher auf die Abwärtsspirale von negativem Content hinweist, freuen wir uns beim Dopaminscrooling auf süsse Katzenvideos, der neuen Beautyroutine unseres Lieblings-Content Creators usw. Beide Arten des Social Media Konsums erfüllen uns nicht wirklich, da wir nur häppchenweise mit kurzen Videos und wenig Informationen pro Beitrag “versorgt” werden. Und so hinterlässt er in uns ein Gefühl der Leere. Gerade bei jungen Menschen kann es noch viele schwerwiegendere Folgen haben: gibt es noch viele weitere negative Effekte wie mentale Ablenkung, Ausbleiben der sozialen Interaktionen und potenzielle psychische Störungen wie Ängste und Depressionen.
Wild zusammengewürfelt, arg reduktionistisch zusammengefasst und salopp ausgedrückt: «Ich arbeite mehr als die Hälfte meines wachen Tages in einem wenig sinnstiftenden Job, um mir mit dem Lohn massenhaft produzierte Dinge zu kaufen, von denen ich denke, ich brauche sie, weil mich die Werbung, Personen, denen ich auf Social Media folge oder aus meinem Umfeld (die all dem ebenso ausgesetzt sind) davon überzeugt haben.»
Wie hättest du es gern?

Kehren wir für einen Moment zurück zum Anfang dieser Gedankenreise und zurück zur Frage, wie du deinen Tag gestalten würdest, könntest du frei über deine Zeit verfügen.
Wie viel Zeit möchtest du gerne mit deinen Kindern, Eltern, Freund:innen verbringen? Wie viel Zeit mit deinen Hobbys? Wie viel Zeit vielleicht mit Selbsterforschung und Selbsterfahrung; Yoga, Meditation, Bücherlesen, persönlicher Weiterbildung? Was ist es, das dich antreibt, was ist deine Leidenschaft? Wie könntest du diese Leidenschaft in eine Form der «Arbeit» einfliessen lassen, die sinnvoll ist? Arbeit, die vielleicht sogar Anderen dient? Wir haben nämlich vergessen, dass wir als Spezies kollaborativ sind, dass wir die längste Zeit unserer Existenz in Gemeinschaften zusammengearbeitet haben, weil wir wussten, dass wir nicht nur stärker sind in der Gemeinschaft als in der Isolation, sondern dass wir alleine nicht überleben könnten. Dass wir uns auf Andere verlassen müssen und uns auch selber in den Dienst Anderer stellen müssen, wenn wir ein gutes Leben haben wollen.
Der heutige Zustand von Gemeinschaften
In unserer sogenannt «westlich-zivilisierten» Kultur gibt es immer weniger Gemeinschaften. Die Kirche, aber auch so etwas wie Gewerkschaften haben an Bedeutung verloren. Heute beziehen wir uns hauptsächlich auf die Kernfamilie, das sind Mutter, Vater, Kind(er), oder häufig auch nur Mutter, Kind(er). Von daher ist es kein Wunder, dass wir denken, wir müssen alles alleine schaffen und dafür strengen wir uns so furchtbar an. Aber es reicht nie ganz. Etwas bleibt immer auf der Strecke. Das Tragische und tragisch im doppelten Sinne – individuell für die Person selbst und für den Zustand der Gesellschaft – ist, dass jegliches «Versagen» im Job, Privatleben, Äusserlichkeiten (bin ich schlank genug, jung genug?) ein persönliches Versagen ist und nicht als möglicher Hinweis auf gesellschaftliche Missstände gedeutet wird. So verurteilen wir uns selbst statt einzusehen, dass das das Versprechen der Marktwirtschaft, dass es allen gut geht, wenn die Wirtschaft nur prosperiert, in Realität gar nicht eingelöst wird und die grosse Mehrheit eigentlich nur davon träumen kann.
Was bleibt übrig und was kommt morgen?
Bei all unseren Anstrengungen, alles richtig zu machen, unsere Pflichten, unsere Arbeit zu erfüllen, dafür aber materiell relativ gut und abgesichert leben zu können, fällt uns doch auf, dass der letztere Teil immer weniger wahr ist. Klar ist dies in der Schweiz ein Klagen auf hohem Niveau. Dennoch können wir uns auch hier mit unserer Arbeit Lohn heute immer weniger leisten: Eigenheim, Urlaub, Anschaffungen wie Möbel, Nahrungsmittel, alles wird teurer. Das heisst, wir bemühen uns, kämpfen. Wofür genau am Ende des Tages?
Die Früchte unserer Anstrengungen schlagen sich wenn, dann im Unternehmenserfolg nieder. Von diesem profitieren die Firmenleitungen, Verwaltungsräte und Aktionär:innen in Form von Dividenden. Der Reichtum konzentriert sich immer mehr auf einzelne Konzerne, die entweder viele Firmen unter sich vereinen oder Anteile an unzähligen Firmen halten und so immer mehr Geld und Macht ansammeln.
Neben schwindenden Mitteln kommen reale Zukunftsängste hinzu. Werden KI-Agenten viele Berufe verdrängen, so dass es in ein paar Jahren kaum noch Berufe in der Kommunikation, Marketing, Vertrieb, in der Sachbearbeitung oder IT-Programmierung geben wird?
Unsere Welt ist im Wandel. Wir wissen nicht wie schnell und mit welchem Ergebnis der allseits präsente Einsatz von KI, LLMs (Large Language Models wie ChatGTP) und KI-Agenten sich auf die arbeitende Bevölkerung und die Gesellschaft als Ganzes auswirken wird.
Wenn sich unsere Welt sowieso im Wandel befindet, sollten wir dann nicht aktiv etwas tun, um diese Veränderung mitzugestalten, so dass es uns – als Individuum, als Teil der Gesellschaft und als Gemeinschaft – zugutekommt?
Hallo, Solarpunks.ch!
Genau aus diesem Grund haben wir diese Webseite ins Leben gerufen. Sie ruft dich dazu auf, die ausgetretenen Pfade des Alltags zu verlassen und es wagen, zu träumen. Die Frage zu stellen, ob es nicht auch anders geht? Wir stellen hier Projekte vor, die nicht die maximale Profitabilität, sondern mutige, lustige, wichtige und aufrüttelnde kleinere und grössere Initiativen, die das Miteinander, das Teilen, das Lösen von Alltagsproblemen im Fokus haben. Statt linear denken viele von ihnen zyklisch: z.B. reparieren statt neu kaufen.
Wir bieten hier aber auch eine Plattform für den Dialog. Im miteinander reden, diskutieren und träumen wollen wir neue Projekte schaffen.
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Isidora

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