Für eine neue Welt
- Raffael Wüthrich

- 16. Okt. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 7 Tagen
Mühsal ohne Sinn, dafür mit globalen Krisen
Jeden Morgen treibt uns der Wecker in den Tag, meistens nicht, weil wir es kaum erwarten können, etwas Sinnvolles zu erschaffen, sondern weil Rechnungen bezahlt werden müssen. Zu viele von uns verbringen unsere Tage in einem Hamsterrad voller sinnbefreiter Arbeit, wir hetzen von Termin zu Termin, nur um uns am Monatsende gerade so über Wasser zu halten. Und das Schlimmste? Viel zu viele dieser Arbeiten schaffen keinen echten Wert, schaden sogar der Gesellschaft und der Mitwelt. Sie existieren, weil unser Wirtschaftssystem sie erzwingt und fördert – Bürokratie, Kontrolle, Werbung, Finanzspekulationen und noch so viel mehr. Aus der Distanz betrachtet eine unglaubliche Verschwendung von Zeit, Energie und Leben.

Würdigung der Marktwirtschaft
Zugegeben: Die Marktwirtschaft hat vielen Menschen in Industrieländern Wohlstand gebracht. Sie hat Innovationen ermöglicht, Fortschritt geschaffen und einem Teil der Menschheit ein angenehmes Leben beschert. Doch sie hat es nicht für alle getan. Und sie hat einen hohen Preis: Während einige wenige unermesslichen Reichtum anhäufen, kämpfen Milliarden um ihre Grundbedürfnisse. Wälder werden abgeholzt, Meere vergiftet, das Klima zerstört – alles, um ein Wirtschaftssystem am Laufen zu halten, das auf Gewinnmaximierung von wenigen statt auf das Wohl aller ausgerichtet ist. Wirtschaftliche und ökologische Krisen sind keine Zufälle – sie sind die logische Folge davon, dass Geld unsere Welt regiert.
Geld regiert die Welt
Man sagt es so oft "Geld regiert die Welt" - und trotzdem nehmen wir den Spruch nie ernst. Aber vielleicht sollten wir das. Denn wir haben diese „Regierung des Geldes“ nie gewählt, sie ist historisch und mit viel Gewalt entstanden (dazu dann vielleicht mal ein ander Mal mehr). Niemand von uns hat sich bewusst dafür entschieden, dass unser Leben von Steuern, Löhnen, Preisen und Schulden bestimmt wird.

Doch diese „Regierung des Geldes“ ist nicht mehr nötig. Dank technologischer Fortschritte, Massenproduktion, künstlicher Intelligenz und dem Internet können wir heute die Bedürfnisse von Menschen direkt mit der Produktion von Gütern koppeln. Wir brauchen keinen Umweg über Geld mehr, um zu wissen, was gebraucht wird, wo es gebraucht wird und wer es bereitstellen kann. Zum ersten Mal in der Geschichte haben wir die Mittel, eine andere Art des Wirtschaftens zu schaffen – eine, die Geld, Handel und Tausch nicht mehr nötig hat und die die Bedürfnisse von allen stillen kann.
Maximale Freiheit & Wohlstand für alle
Im 21. Jahrhundert können eine neue Struktur für unsere Welt gestalten – eine, die nicht von Geld und Profit bestimmt wird, sondern von demokratischen Entscheidungen, den wahren Bedürfnissen der Menschen, unseren technologischen Fähigkeiten und den planetaren Rahmenbedingungen.

Was würde sich ändern?
Alles für alle, kostenlos: Alles, was man für ein gutes Leben braucht, ist frei zugänglich. Nahrung, Wohnraum, Mobilität, Bildung, Energie, Gesundheitsversorgung – all das und noch viel mehr gibt es ohne Preisschilder. Dafür trägt jede und jeder freiwillig zur Produktion bei, ohne Zwang, ohne Lohn. Weil niemand mehr Geld braucht, gibt es auch keine Steuern, keine Mieten, keine Schulden – nur ein kollektives, dezentrales und cleveres System, das die Bedürfnisse aller berücksichtigt und in die Produktion einbezieht.
Mehr Freizeit, mehr Leben: Weil all die unnötige Arbeit wegfällt, die Geld mit sich bringt, müssten wir alle viel weniger arbeiten – bei gleichem Wohlstand. Keine künstlich verkürzte Lebensdauer von Produkten, die wir deshalb immer wieder neu herstellen müssen. Keine sinnlosen Jobs, keine im Kern nutzlosen Branchen. Stattdessen mehr Zeit für das Wesentliche, für Familie, Nachbarschaft, Freundschaft, Kunst und Kultur – oder was auch immer du sonst gerne machst.
Bessere Qualität für alle: Keine Profitorientierung bedeutet, dass wir Dinge herstellen, die wirklich gut sind. Keine Ressourcenverschwendung, keine geplante Obsoleszenz, keine lineare Abfallwirtschaft. Stattdessen durchdachte, nachhaltige und kreislauffähige Produkte, die unsere Leben wirklich einfacher machen.
Alle gewinnen: Niemand lebt mehr auf Kosten anderer. Kein Hunger mehr. Kein Reichtum, der sich auf Ausbeutung gründet. Einfach ein gerechtes System für alle. Ein inklusives Wirtschaftssystem, das alle einbezieht und alle garantiert versorgt.
Ein gesunder Planet: Ohne den Wachstumszwang der Marktwirtschaft wird nur produziert, was wirklich gebraucht wird – ressourcenschonend, langlebig und umweltfreundlich. Kein unnötiger Abfall, kein Raubbau an der Natur. Stattdessen eine Wirtschaft, die mit der Erde im Einklang steht und den Generationen nach uns eine Heimat der Fülle hinterlässt.
Weniger Kriminalität: Viele Verbrechen entstehen aus wirtschaftlicher Not, Ungleichheit oder Profitgier. In einer Welt ohne Geld entfallen diese Anreize. Kein Diebstahl aus Armut, keine Korruption, keine Betrügereien – weil es nichts mehr gibt, worum man konkurrieren oder was man sich auf Kosten anderer aneignen müsste.
Demokratische Mitbestimmung: Eine geldfreie Welt bedeutet nicht Chaos oder Willkür, sondern eine neue, tief demokratische Ordnung. Entscheidungen über Produktion, Verteilung und gesellschaftliche Fragen werden mit modernen demokratischen Methoden getroffen – transparent, dezentral und unter aktiver Mitwirkung von allen, die davon betroffen sind und mitwirken wollen.
Der Weg dorthin: Eine Bewegung für die Zukunft
Diese Vision ist kein ferner Traum, sie ist technisch eigentlich bereits heute umsetzbar. Es ist eine Frage des Bewusstseins und des Machens. Deshalb können wir bereits heute damit beginnen, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Mit einer wachsenden globalen Solarpunk-Bewegung, die diese Idee in die Gesellschaft trägt, Debatten anstösst und Alternativen sichtbar macht. Mit Projekten, die bereits heute zeigen, dass eine solche Welt, in der Geld nicht mehr notwendig ist, nicht nur möglich, sondern praktizierbar ist: Orte, an denen Dinge hergestellt und verschenkt werden, Netzwerke, die ohne Marktlogik funktionieren, und Experimente, die neue Wege aufzeigen.

Wie soll das funktionieren?
Aber wie kann die Produktion und Verteilung in einer geldfreien Welt funktionieren? Statt zentraler Kontrolle (wie im Kommunismus, resp. im real existierenden Sozialismus) setzt dieses System weiterhin auf eine dezentrale, kooperative Wirtschaftsweise wie heute. Betriebe ermitteln unter zuhilfenahme von IT-Systemen gemeinsam, was benötigt wird und wo Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden können. Das machen Supermärkte und Handelsketten schon heute so. Und es gibt konkrete und verbindliche Lieferverträge unter Unternehmen mit klaren Lieferketten.
Es gibt aber auch Unterschiede: Regionale Produktionsstätten arbeiten vernetzt und stellen langlebige, hochwertige Produkte bereit, die direkt dorthin gelangen, wo sie gebraucht werden – ohne Preisschilder, aber mit echter Bedarfsorientierung. Betriebe beliefern sich gemäss Absprachen gegenseitig aber ohne Rechnung zu stellen. Zudem gibt es keine Geschäftsgeheimnisse mehr. Technologien wie Open-Source-Designs, automatisierte Fertigung aber auch solides Handwerk und intelligente Verteilungssysteme ermöglichen eine effiziente Versorgung für alle, ohne die Umwelt unnötig zu belasten.
Klingt kompliziert?
Vielleicht klingt das alles zu kompliziert? Der Witz ist: Heute ist die Marktwirtschaft noch viel komplizierter organisiert, weil zur Vermittlung von Angebot und Nachfrage immer der Umweg über Geld gewählt wird. Und Geld entwickelt mit der Zeit unglaublich komplexe Irrwege wie Derivate, Inflation, Spekulation auf imaginäre Szenarien, usw...
Einfacher kann man es sich so vorstellen: Stell dir vor, du arbeitest weiterhin dort, wo du heute auch arbeitest (oder dort, wo du eigentlich viel lieber mitarbeiten würdest). Nur, dass du am Ende des Monats keinen Lohn mehr verlangen musst, weil du für die Dinge, die du brauchst auch kein Geld mehr bezahlen musst. Du bestellst also auf Galaxus oder wo auch immer die Produkte, die du gerne geliefert hättest. Oder du gehst in den Supermarkt und nimmst dir aus den Regalen, was auch immer du brauchst. Der grosse Unterschied, du arbeitest freiwillig und alle Güter sind gegenseitig geschenkt. Du bezahlst weder Steuern, noch Miete oder Krankenkassen oder Versicherungen. Und weil es ganz viele Branchen gar nicht mehr benötigt, die nur damit beschäftigt waren, Geld zu managen, gibt es viel mehr Menschen, die mithelfen können, dass alle wirklich systemrelevanten Arbeiten erledigt werden.
Die fünf-Stunden-Woche!
Wahrscheinlich werden wir nicht mehr als fünf Stunden pro Woche arbeiten müssen. Klingt unglaubwürdig. Wurde aber mal berechnet... Die Frage ist also: Wärst du bereit, fünf Stunden freiwillig zu arbeiten und damit mitzuhelfen, dass sich die Menschheit gegenseitig mit allem Wichtigen, Schönen und Tollem beschenkt, damit alle ein gutes Leben leben dürfen? Du wärst alle finanziellen Sorgen los, für immer... Ziemlich sicher würden viele Menschen viel mehr arbeiten wollen als nur 5 Stunden pro Woche. Was wäre dein Wunsch, wie viele Stunden würdest du arbeiten wollen? Und würdest du deinen Job behalten wollen? Würde er überhaupt noch benötigt? Oder würdest du lieber etwas anderes machen, um direkt zur Versorgung von deinen Mitmenschen beizutragen?
Ja, das ist eine grosse Vision
Das ist eine grosse Vision, zweifellos. Wahrscheinlich werden diese Zeile dem einen oder der anderen sogar als zu “radikal” erscheinen. Aber in der Lage, in der die Menschheit steckt, braucht es grosse Visionen. Ja, es braucht sogar diese liebevolle Radikalität, die das System bei der Wurzel verändert und positive Anreize für ein Miteinander setzt. Was wir wollen, ist möglich, gut und notwendig.
Auf dem Weg dorthin zählt jeder kleine Schritt. Jede Idee, jede Tat, jede Diskussion dazu bringt uns näher. Gemeinsam können wir eine Zukunft gestalten, in der Leben für alle mehr bedeutet als Überleben. Eine Zukunft, in der wir endlich wirklich maximal frei sind – in Verbundenheit miteinander und als Teil der Natur.
Lass uns beginnen. Es ist gerade jetzt notwendiger denn je.

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